Fondsmechanik

ARR oder Run-Rate: welche Zahl in der Bewertung steckt

18. Oktober 2026 · 7 Min. Lesezeit

Bei sehr schnell wachsenden Startups verschiebt sich die Bewertungsbasis von ARR zur Run-Rate. Das klingt nach einer Definitionsfrage, verändert aber den Preis, den ein Investor zahlt, um den Faktor zwei. Warum das so ist, wo die Rule of 40 hilft, wo sie in der KI-Ära versagt, und worauf ich vor einer Zeichnung schaue.

Von Mato Krahl, Geschäftsführer MK Venture Capital GmbH

Die beiden Kennzahlen

ARR, Annual Recurring Revenue. Der auf das Jahr gerechnete Teil des Umsatzes, der vertraglich wiederkehrt: Abonnements, Lizenzen, Wartung. Einmaliges bleibt draußen, also Implementierung, Schulung, Hardware, Projektgeschäft. ARR ist eine Bestandsgröße zum Stichtag und beantwortet die Frage: was läuft weiter, wenn das Unternehmen heute aufhört, Neues zu verkaufen.

Run-Rate, genauer annualized revenue run rate. Der Umsatz der letzten Periode, hochgerechnet auf ein Jahr. Meist der letzte Monat mal zwölf, manchmal das letzte Quartal mal vier. Hier ist alles drin: wiederkehrende Erlöse, nutzungsabhängige Abrechnung, Einmalgeschäft. Die Run-Rate ist keine standardisierte Kennzahl. Es gibt keine Definition, auf die man sich berufen kann, und jedes Unternehmen rechnet sie etwas anders.

Im Stillstand sind beide identisch. Ein Unternehmen mit 100 Mio. USD ARR und ohne Wachstum hat auch 100 Mio. USD Run-Rate. Interessant wird es erst mit Wachstum.

Warum die Zahlen auseinanderlaufen

Ein Unternehmen mit 1,0 Mio. USD Monatsumsatz, das 20 % pro Monat wächst:

MonatMonatsumsatzRun-Rate (× 12)
11,0 Mio.12 Mio.
21,2 Mio.14 Mio.
31,44 Mio.17 Mio.
62,49 Mio.30 Mio.
127,43 Mio.89 Mio.

Zwölf Monate mit 20 % Wachstum sind der Faktor 1,2012, also 8,9. Aus 12 Mio. USD Run-Rate werden 89 Mio. USD. Tatsächlich vereinnahmt hat das Unternehmen in diesen zwölf Monaten aber nur die Summe der Monate, und das sind 40 Mio. USD.

0 30 60 90 M1 M4 M7 M10 M12 Mio. USD Run-Rate 89 Monat 12 × 12 Vereinnahmt 40 Summe der 12 Monate
Annualisierte Run-Rate gegen tatsächlich vereinnahmten Umsatz, 1,0 Mio. USD Startmonat, 20 % Wachstum pro Monat. Nach zwölf Monaten liegt die Run-Rate beim 2,25-Fachen des real erzielten Jahresumsatzes.

Die Run-Rate liegt damit beim 2,25-Fachen des real erzielten Jahresumsatzes. Bei 10 % Wachstum pro Monat ist es der Faktor 1,6, bei 15 % der Faktor 1,9. Je schneller das Wachstum, desto größer die Lücke.

Das hat eine unmittelbare Folge für den Preis. Wer 10x Run-Rate zahlt, zahlt bei 20 % Monatswachstum in Wahrheit 22x auf den Umsatz der zurückliegenden zwölf Monate. Die Kennzahl in der Bewertung ist also nicht nur eine Beschreibung des Unternehmens, sie ist selbst ein Teil des Preises. Deshalb lohnt die Frage im Termsheet, welche Zahl gemeint ist, und zwar vor der Frage nach dem Multiple.

Bei KI-Unternehmen ist die Run-Rate inzwischen die Standardsprache. OpenAI kommuniziert ausschließlich den annualisierten Umsatzlauf, nicht ARR. Das ist nachvollziehbar, weil ein großer Teil der Erlöse nutzungsabhängig und nicht vertraglich gebunden ist. Es heißt aber auch: die Zahl, die in der Presse steht, ist nicht der Umsatz eines Jahres.

Rule of 40

Der verbreitetste Effizienz-Maßstab für SaaS. Die Formel:

Umsatzwachstum in % (Jahr über Jahr) + Gewinnmarge in % ≥ 40

Ein Wert von 40 oder mehr gilt als gesund. Erreichbar über schnelles Wachstum, über starke Profitabilität oder über eine Mischung. 30 % Wachstum bei 10 % Marge ist genauso „gesund“ wie 10 % Wachstum bei 30 % Marge.

Beim Wachstum nimmt man üblicherweise das Jahr-über-Jahr-Wachstum des ARR. Bei der Marge gehen die Wege auseinander: EBITDA-Marge, Free-Cashflow-Marge, operative Marge, Nettomarge. Welche man nimmt, ist Geschmackssache, die Wahl verändert das Ergebnis aber deutlich. Entscheidend ist, sie konsistent anzuwenden, sonst vergleicht man Unternehmen über eine Kennzahl, die bei jedem etwas anderes bedeutet.

+40 % 0 % −60 % 0 % 100 % 200 % Marge Umsatzwachstum Jahr über Jahr Schwelle 40 rechts davon: erfüllt Klassisches SaaS 30 % Wachstum, +15 % Marge, Wert 45 Plateau-SaaS 12 % Wachstum, +10 % Marge, Wert 22 KI-Supernova 180 % Wachstum, −45 % Marge, Wert 135
Die Rule of 40 ist eine Linie, kein Punkt. Alles oberhalb der Schwelle gilt als gesund, egal ob über Wachstum oder über Marge erreicht. Der Plateau-Fall unten links ist der teuerste: wenig Wachstum und zu wenig Marge, um das auszugleichen.

Die Rule of 40 in der KI-Ära

Zwei Beispiele aus den Berichten der letzten Monate. Beides sind presseberichtete Zahlen aus nicht geprüften Unterlagen, keine veröffentlichten Abschlüsse.

Anthropic. Für das dritte Quartal 2026 wurden Investoren 16,8 Mrd. USD Umsatz genannt, ein Plus von rund 45 % gegenüber 11,6 Mrd. USD im Vorquartal, dazu eine adjustierte operative Marge von 11 % und das zweite Quartal in Folge mit positivem Cashflow. Auf Jahr-über-Jahr-Basis liegt das Wachstum dreistellig, die Rule of 40 ist also um ein Vielfaches erfüllt. Der Haken steckt im Wort „adjustiert“: welche Kosten dort ausgenommen sind, ist nicht offengelegt, und nach normaler Rechnungslegung weist der Entwurf des Börsenprospekts für 2025 einen Nettoverlust von rund 42 Mrd. USD aus, davon etwa 34 Mrd. USD aus Buchungseffekten früherer Finanzierungsrunden.

OpenAI. Hier lag der annualisierte Umsatzlauf im September 2026 nach Presseberichten bei knapp 70 Mrd. USD, nach rund 40 Mrd. USD in der Jahresmitte. Die Nettomarge bleibt klar negativ, weil Training und Vorhaltung von Rechenkapazität die Erlöse auffressen. Die Rule of 40 wird damit nicht erfüllt, und Investoren haben das bisher akzeptiert, weil Marktanteil höher gewichtet wird als Effizienz.

Daraus wird oft geschlossen, die Rule of 40 sei in der KI-Ära erledigt. Ich halte das für zu bequem. Richtig ist, dass die Kostenstruktur anders aussieht: Inferenz und Rechenleistung belasten die Bruttomarge von KI-Anbietern nach gängigen Schätzungen teils jenseits von 50 % des Umsatzes, während klassisches SaaS eher bei 20 bis 30 % liegt. Wer diese Kostenbasis trägt, braucht dauerhaft dreistelliges Wachstum, damit die Rechnung überhaupt aufgehen kann. Die Regel ist damit nicht falsch, sie wird nur zu einer sehr harten Hürde.

Wo die Rule of 40 an ihre Grenzen stößt

Die Formel kennt nur Wachstum und Marge, nicht den Kapitalbedarf. Ein Unternehmen kann rechnerisch auf 45 kommen und trotzdem in einem Jahr frisches Geld brauchen, etwa weil der Burn hoch ist oder weil große Kunden eine solide Eigenkapitalausstattung des Lieferanten zur Bedingung machen, bevor sie überhaupt ausschreiben. Beides sind Finanzierungsfragen, die die Kennzahl nicht abbildet, die aber über die nächste Bewertungsrunde entscheiden.

Wenn das Wachstum kippt: die Multiple-Kompression

Als Faustregel erzielen Startups, die 30 % oder mehr pro Jahr wachsen, einen Bewertungsaufschlag. Genau diese Erwartung ist in den letzten Quartalen für Software-Unternehmen massiv zurückgekommen, und mit ihr die Umsatzmultiplikatoren. Zwei Transaktionen aus 2026 zeigen, was das in Zahlen heißt, beide vom italienischen Käufer Bending Spoons:

  • Airtable: Übernahme für 1,285 Mrd. USD Unternehmenswert bei rund 480 Mio. USD ARR, also etwa 2,7x ARR. Spitzenbewertung 2021: 11,7 Mrd. USD.
  • Miro: Übernahme für 1,355 Mrd. USD bei rund 600 Mio. USD ARR, also etwa 2,3x. Spitzenbewertung 2022: 17,5 Mrd. USD.

Beides sind Unternehmen mit hohem, stabilem, wiederkehrendem Umsatz. Beide haben rund 90 % ihres Spitzenwerts verloren. Ein hoher ARR ist also keine Garantie für eine hohe Bewertung. Wer aus einer hohen Basis die 30 % nicht mehr schafft, erlebt das Gegenteil: aus 10x oder mehr auf den ARR werden in einer M&A-Transaktion 2 bis 3x. Das sind 60 bis 80 % unter der Erwartung, auf der die letzte Finanzierungsrunde aufgebaut war.

Die Wachstumsfalle und der Verteilungstopf

Deshalb schaue ich bei stark wachsenden Startups zuerst auf das Basisniveau. Von 1 auf 10 Mio. EUR Umsatz in zwölf Monaten ist eine sensationelle Leistung, aber vergleichsweise häufig. Von 10 auf 100 Mio. ist etwas anderes, weil dafür die Organisation stehen muss. Wer die Runde finanziert, in der die 1 auf 10 Mio. gehoben werden, zahlt dafür schnell 50 Mio. EUR pre money oder mehr. Die eigentliche Frage kommt danach: sind 50 Mio. EUR für ein Unternehmen gerechtfertigt, das bei 10 Mio. Umsatz auf ein Plateau läuft und nur noch langsam wächst?

Wenn dann weiteres Geld nötig ist, ist die Downround der optimistische Fall. Typisch ist, dass sich kein neuer externer Geldgeber findet und die Runde intern getragen werden muss. Dann beginnen die Verhandlungen über die Bewertung unter den Bestandsinvestoren, und wer nicht mehr mitgehen kann, wird verwässert.

Bei Unicorns wird es deutlicher. Bis zur Milliardenbewertung sind oft 150 Mio. EUR und mehr an Vorzugskapital eingesammelt worden, in der Regel mit Liquidationspräferenz. Ein Rechenbeispiel mit 150 Mio. EUR Vorzugskapital und einfacher, nicht-partizipierender Präferenz:

Verteilung des Exiterlöses, 150 Mio. EUR Vorzugskapital, 1x nicht-partizipierend Exit 200 Mio. 150 Vorzugskapital 50 Stammanteile Exit 400 Mio. 150 Vorzugskapital 250 Stammanteile 0 150 400 Mio. EUR Exitpreis × 2, Erlös der Stammanteile × 5. Unterhalb von 150 Mio. bleibt für Stammanteile nichts.
Gründer mit 40 % der Stammanteile erhalten im ersten Szenario 20 Mio. EUR, im zweiten 100 Mio. EUR. Die Präferenz wirkt wie ein Sockel, der zuerst bedient wird, und macht das Ergebnis der Stammanteile hochgradig nichtlinear.
  • Exit zu 200 Mio. EUR: 150 Mio. gehen an die Präferenzen, 50 Mio. bleiben für alle Stammanteile. Gründer mit 40 % der Stammanteile erhalten 20 Mio. EUR, nach zehn Jahren Arbeit.
  • Exit zu 400 Mio. EUR: 150 Mio. an die Präferenzen, 250 Mio. für die Stammanteile. Dieselben Gründer erhalten 100 Mio. EUR.

Der Exitpreis verdoppelt sich, der Erlös der Stammanteile verfünffacht sich. In die andere Richtung gilt das genauso, und unterhalb der Präferenzschwelle bleibt für Stammanteile gar nichts. Frühe Investoren kommen in solchen Fällen nach zehn Jahren auf eine leicht positive Rendite, im besten Fall. Das ist der Punkt, an dem Venture Capital sein tatsächliches Gesicht zeigt: die extrem ungleiche Verteilung der Ergebnisse. Dagegen hilft nur Streuung. Jede konzentrierte Wette trägt ohne Spezialwissen die Enttäuschung in sich.

Sechs Fragen vor der Zeichnung

  1. Welche Kennzahl liegt der Bewertung zugrunde? ARR, Run-Rate oder realisierter Umsatz der letzten zwölf Monate. Den Multiple erst danach diskutieren.
  2. Wie hoch ist die monatliche Wachstumsrate und wie stabil ist sie? Sechs Einzelmonate ansehen, nicht einen Spitzenmonat, aus dem die Run-Rate gebildet wurde.
  3. Wie gut ist die Umsatzqualität? Anteil wiederkehrender Erlöse, Net Revenue Retention, Kundenkonzentration.
  4. Wie viel Kapital kostet 1 EUR zusätzlicher Umsatz? Burn im Verhältnis zum Netto-Neu-ARR derselben Periode.
  5. Von welchem Basisniveau sprechen wir? 1 auf 10 Mio. ist eine andere Übung als 10 auf 100 Mio., und das Plateau danach ist der eigentliche Bewertungsrisikofall.
  6. Wie sieht der Cap Table vor mir aus? Wie viel Vorzugskapital mit welcher Präferenz liegt vor meinem Anteil, und was bleibt davon in einem Exit unter Erwartung übrig.

Quellen: implicator.ai zu den Anthropic-Quartalszahlen; Axios und Bloomberg (wiedergegeben u. a. bei bgov.com und newsquawk) zum OpenAI-Umsatzlauf; SaaStr und Dealroom zur Airtable-Übernahme; bebeez und Crypto Briefing zur Miro-Übernahme.

← Alle Beiträge

Insights abonnieren

Analysen zu Venture Capital, Fondsstrukturen und Portfolio-Mathematik. Etwa monatlich, jederzeit abbestellbar.

Sie möchten prüfen, ob eine Zusammenarbeit passt? Kontakt aufnehmen

Mit der Anmeldung stimmen Sie dem Versand gemäß unserer Datenschutzerklärung zu.

Insights abonnieren